Profondo Rosso, Italien 1975, Regie: Dario Argento. Darsteller:
David Hemmings, Daria Nicolodi e.a. Musik: Goblin.
David Hemmings, Daria Nicolodi e.a. Musik: Goblin.
Ja, ich hab mich hinreißen lassen zu bloggen. Was solls. Hier also das Intro eines schrecklich schönen Films [und, so füge ich später hinzu, ich habe mich auch dazu hinreißen lassen, eine kurze Analyse zu verfassen]. Zu sehen ist die Eingangssequenz von 'Profondo Rosso', einem Film mit dem Dario Argento das Genre des Giallo-Splatters neu definierte. Alle thematischen und stilistischen Elemente, die diese Gruppe italienischer Krimis der 60er und 70er Jahre ausmachen sind in dem kurzen Stück angedeutet.
Analyse der Eingangssequenz:
Beschreibung Teil I: Kinderzimmer/Schreckenskammer?
Der intime Blick der Kamera, mechanisches Auge, das vom Zuschauer als eigenes akzeptiert wird, fährt in zärtlicher Betrachtung eine Reihe von Gegenständen ab. Zu sehen: eine Puppenwiege, plötzlich gewaltsam umgestossen von einer auf sie geworfenen Kugel. Woher kommt sie? Wer warf sie? Warum? Eine Voodoo Puppe, eine Kinderzeichnung, die -Irritation- eine erstochene Frau zeigt, dann die inzwischen zur Ruhe gekommene Kugel, reflektierend metallisch, in dieser Eigenschaft hinüberleitend zum Messing einer indischen Götterstatue und weiter gleitend über geflochtene Wollfäden.
Interpretation Teil I: Ästhetizismus und Selbstreflexion
Die eingangs verwendete Einstellungsgröße der Detailaufnahme verwehrt dem Zuschauer den Blick auf das Ganze, dies ein typisches Mittel um Spannung zu erzeugen, effektiv, aber nichts Neues. Gleichzeitig jedoch erfolgt mit dieser, für die Handlung nicht notwendigen Fokussierung auf ästhetische Details eine Zelebration der Faszination Kino, seiner Farben und Formen. Die nun folgende Kamerafahrt vollführt ein luxuriöses Schwelgen im L`art pour l`art par, die Gegenstände scheinen lediglich um ihrer selbst willen da.
Bis dahin: keine Handlung im Film. Trotzdem provoziert die Kamerafahrt die Konstruktion einer Story im Hinterkopf des Zuschauers. Zusammenhänge werden anhand ausgelöster Assoziationen gedacht, überprüft, verworfen, neu konstruiert. Orientierung über den Sinn des Gezeigten wird gesucht. In welchem größeren Raum stehen die Gegenstände? Wo befinde ich mich, warum sieht mein Auge, was es sieht? Was ist um mich herum? Die Makroeinstellung der Kamera verrät nichts. Die Auslegungsarbeit des Hirns aber ist in vollem Gange. Kindheit-Gewalt-Exotismus. Ein Gefühl wird induziert, vage Vermutung in welche Richtung der Film gehen könnte, aber weit davon entfernt, benannt werden zu können.
Was hat es nun mit Kugel und Zopf auf sich? Ich glaube, diese beiden Gegenstände gehören dem zur Schau gestellten selbstreflexiven Moment des Kinos an. Im Glanz der metallenen Kugel müsste sich bei genauerer Betrachtung die Kamera widerspiegeln, die Kamera, das Auge des Zuschauers, der gemeinsam mit der Kugel in die Welt des Films geworfen wurde. Ähnlich, der Zopf: er steht allegorisch für die kognitive Leistung des Rezipienten Handlungszusammenhänge aus symbolisch aufgeladenen Einzelgegenständen zu konstruieren. Dieser, metaphorisch als 'Verflechtung' bezeichnete Vorgang findet im Zopf sein konkretes Bild.
Zur Murmel. Ich kenne die kunstgeschichtliche Tradition ihrer Verwendung als Motiv nicht, nehme aber an, dass es eine solche gibt und dass diese in Zusammenhang mit Ästhetizismus, Art deko, vielleicht Barock steht. Ein Gegenstand erlesener Schönheit, deren Sinn sich im Spiel erfüllt, Zeitvertreib für unbeschwerte Kindheit oder Luxus einer Gesellschaftschicht, die nicht dem kapitalistischen Diktat unterworfen ist.
Beschreibung Teil II: Inszenierung des Stars
Und dann setzt die Handlung ein. Die Hand-lung, wieder konkrete Darstellung der, wie soll man es sagen? dramaturgischen Metapher? der filmischen Erzählung? Eine schwarz behandschuhte Hand greift nach einer nackten Puppe, entfernt sie aus dem Blickfeld, unbeirrt von diesem Ein-Griff schwebt die Kamera weiter, eine verstümmelte Teufelsfigur, der ein Auge fehlt ist zu sehen, dann wieder Murmeln. Die Musik, über die hier bisher noch nicht geschrieben wurde markiert in ihrem nun ansetzenden crescendo den vorläufigen Höhepunkt: Der Höhepunkt: Ein sich in den Blick des Zuschauers schiebendes Messer, blitzende Klinge, sich reflexartig verkleinernde Pupille. Dann die Inszenierung des Stars, unter der Lupe und somit in Bildschirm füllender Großaufnahme, näher kann die Kamera nicht ran, ohne sich die Nase zu stoßen, das Messer!
Interpretation II: Die Erotik des Messers
Die visuelle und akustische Stilisierung, die Fetischisierung des phallischen Gegenstands, der Hieb- und Stichwaffe 'Springmesser' in Worte zu fassen, müsste im schimmernden Modus galanter Lyrik erfolgen.
Oder, wie Christian Keller es in seinem Genre-Überblick auf den Punkt bringt "Kein Thrillerkino ist erotischer als das italienische". http://christiankessler.de/giallo1a.html.
Die Kamerafahrt wird nicht unterbrochen , der Blick schweift über ein neben diesem Messer liegendes weiteres, gleicher Bauweise, doch deutlich kleiner und in die entgegengesetzte Richtung weisend. Pfeilartiges Hinweissschild, das die Assoziation: 'Schnitt' weckt und die sich, ehe solches gedacht, wird im Cut! auf die Nahaufnahme eines Auges umgesetzt sieht. Man denkt an Bunuel, Dali den andalusischen Hund, doch was zum Auge geführt wird ist Kosmetik, ein Kajalstift. Das eben noch gezeigte Messer, das Stiletto, die Waffe einer Frau? Oder wieder selbstreflexive Betonung, Unterstreichung des kinematographischen Blicks?
Fazit: Destillierte Essenz als abschließender Kommentar
Das Intro beschreibt die Poetologie des Giallo-Krimis und verwendet dazu Bilder, die stellvertretend für die typische Handlung dieser Exploitationfilme stehen. Typische Handlung: ein in der Kindheit traumatisierter Mörder treibt sein Unwesen indem er, schwarz behandschuht, mit langen Messern attraktive Frauen ersticht, was eine detektivische Verfolgungjagd auslöst, die nach Aufdröselung eines vertrackten Plots am Ende einen Täter präsentiert, auf den man 'im lewe net' gekommen wäre. Doch irgendwann heißt es "...die Polizei begreift das auch" (Zitat von '2Strong', einer deutschen Rapgruppe der 90er, die die Eingangsmusik als Sample für eines ihrer Lieder verwendet hat). Die Krimihandlung ist dabei nur ein Teil des Vergnügens, denn in die Ausgefeiltheit der formalen Aspekte wird viel Mühe gesteckt, wie das Intro selbstreflexiv vorführt.
Dario Argento dreht diese Sequenz 1975, also knapp zehn Jahre nach dem Entstehen des Giallo-Genres, als dessen Begründer Mario Bavas 'Blutige Seide' 1963 angesehen wird. Die Konventionen hatten sich bereits soweit gefestigt, dass Argento ein Überblick über das stilistisch-thematische Arsenal einer, viele Einzelfilme umfassenden Gruppe von Filmen, in dieser kurzen, mit einfachsten filmischen Mitteln realisierten Sequenz gelingen konnte. Das Intro als Fazit, destillierte Essenz als abschließender Kommentar zu einem ganzen Genre. Was aber bleibt nun dem eigentlichen Film zu zeigen übrig?
3 comments:
Das is echt stark. ZU STARK!!! welches lied genau hab ich grad nich im kopf, kann auch nich nachhören grad, kann sein, dass das die polizei auch begreift, könnte es nicht aber auch sein, dass wir wie auf schienen fahrn? werd mich schlau machen, walze
Hey, Du hast Recht...ich war mir nicht sicher, wo das Sample kommt. Fahren wie auf Schienen... thassit!2strong from Germany
ah, jetzt raff ichs auch... hab mich gefragt, was Du meinst mit "stark...ZU STARK"...und dann...die Erleuchtung!
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